Qualität & LaborwerteFortgeschritten9 Min 5 QuellenAktualisiert: 2026-03-27
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Warum du einer einzelnen THC-Zahl nicht blind vertrauen solltest

Mehrere Studien zeigen: Dieselbe Probe kann bei verschiedenen Laboren völlig unterschiedliche THC-Werte liefern – teils über 20 Prozentpunkte Unterschied. Was Ringtests damit zu tun haben und wie du Potenzangaben realistisch einordnest.

PLOS ONE 2023 (Colorado)

Ø 23–36% niedriger als Etikett

Destillat-Ringtest, 5 Labore

77,8% – 94,5% THC

Reguläre Toleranz (Colorado)

bis zu 15%

Kernpunkte

  • Eine 2023 in PLOS ONE veröffentlichte Studie hat 23 Blütenproben aus 10 Colorado-Dispensaries erneut per HPLC getestet: Der tatsächliche THC-Gehalt lag im Schnitt 23–36% unter dem, was auf dem Etikett stand – 78% der Proben lagen sogar unter dem eigenen deklarierten Mindestwert.
  • Eine Auswertung der kompletten Traceability-Daten aus Washington State (Jikomes & Zoorob, 2018) fand bei genetisch identischem Blütenmaterial je nach testendem Labor einen Median-THC-Wert zwischen 17,7% und 23,2% – ein systematischer Lab-zu-Lab-Unterschied, keine Produktvariation.
  • Ein Ringtest mit ein und derselben homogenen Destillat-Probe, verschickt an fünf lizenzierte kalifornische Labore, ergab per HPLC Werte zwischen 77,83% und 94,46% THC – über 16 Prozentpunkte Unterschied bei identischem Material.
  • Ringtests wie der 'Emerald Test' und das föderale NIST-CannaQAP-Programm existieren genau deshalb: um solche Abweichungen sichtbar zu machen und Labore zu vergleichbaren Ergebnissen zu bewegen.
  • Nicht jede Abweichung ist ein Warnsignal: Colorado erlaubt regulär bis zu 15% Toleranz bei Potenzangaben. Die oben beschriebenen Abweichungen liegen aber deutlich über dieser normalen Schwankungsbreite.

Hinweis

  • Behandle einen auffällig hohen THC-Wert – besonders wenn er deutlich über vergleichbaren Produkten liegt – als Grund für Nachfragen, nicht automatisch als Qualitätsmerkmal.
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Die kurze Antwort: Eine THC-Zahl ist eine Messung, kein Fakt

Wenn auf einer Verpackung '24% THC' steht, wirkt das wie eine feste Eigenschaft der Pflanze – so als würde man ihr Gewicht angeben. Tatsächlich ist es das Ergebnis einer Messung, die je nach Labor, Methode und Kalibrierung unterschiedlich ausfallen kann. Mehrere unabhängige Studien zeigen, dass diese Unterschiede in der Praxis erheblich sind – nicht nur theoretisch.

Das heißt nicht, dass COAs wertlos sind. Es heißt, dass eine einzelne Zahl von einem einzelnen Labor mit gesunder Skepsis behandelt werden sollte, besonders wenn sie ungewöhnlich hoch ausfällt.

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Was die Colorado-Studie 2023 wirklich zeigt

Forscher haben 23 Blütenproben aus 10 Dispensaries in Colorado gekauft und mit HPLC an einem einzigen Referenzlabor erneut analysiert. Ergebnis: Der tatsächlich gemessene THC-Gehalt lag im Schnitt 23–36% unter dem, was ursprünglich auf dem Etikett stand – konkret rund 14,98% statt der angegebenen 20–24%.

78% der Proben lagen sogar unter dem selbst deklarierten Mindestwert des Etiketts. Die Forscher fanden zudem einen Zusammenhang zwischen Preis und angegebener Potenz, der nahelegt, dass manche Anbieter gezielt Labore auswählen, die höhere Werte liefern – dazu gleich mehr.

Wichtig für die Einordnung: Das ist eine einzelne Studie mit einer relativ kleinen Stichprobe aus einem einzigen US-Bundesstaat. Sie beweist kein flächendeckendes Problem in jedem Markt, aber sie zeigt, dass das Problem real und in dieser Größenordnung dokumentiert ist.

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Systematische Lab-zu-Lab-Unterschiede: die Washington-Daten

Eine andere Untersuchung (Jikomes & Zoorob, 2018, Scientific Reports) hatte Zugriff auf den kompletten Traceability-Datensatz von Washington State – also nicht nur ein paar Stichproben, sondern den ganzen Markt. Für denselben Chemotyp Blüte fanden sie einen Median-THC-Wert zwischen 17,7% und 23,2%, je nachdem, welches Labor getestet hatte.

Das ist keine Schwankung durch unterschiedliches Pflanzenmaterial – es ist derselbe Chemotyp. Der Unterschied entsteht systematisch durch das jeweilige Labor.

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Eine Probe, fünf Labore, fünf verschiedene Ergebnisse

Besonders aufschlussreich ist ein Test mit Destillat: Eine einzige, homogene Probe wurde an fünf lizenzierte kalifornische Labore verschickt. Per HPLC gemessen, reichten die Ergebnisse von 77,83% bis 94,46% THC – ein Unterschied von über 16 Prozentpunkten bei exakt demselben Material.

Zum Vergleich wurde dieselbe Probe auch mit einer spektroskopischen Methode gemessen – dort fiel die Streuung deutlich enger aus. Das deutet darauf hin, dass die große Spannbreite eher an Labor- und Methodenunterschieden lag als am Material selbst.

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Warum das passiert: Der Anreiz, hohe Zahlen zu liefern

Ein Teil der Erklärung ist rein wirtschaftlich: Höhere THC-Werte lassen sich oft zu höheren Preisen verkaufen. Wenn ein Anbieter zwischen mehreren Laboren wählen kann und eines davon tendenziell höhere Werte liefert, entsteht ein Anreiz, genau dieses Labor zu beauftragen – ein Verhalten, das in der Branche als 'Lab Shopping' bekannt ist.

Das muss nicht bedeuten, dass ein Labor bewusst betrügt. Es kann auch an lockereren internen Standards, schlechterer Kalibrierung oder einfach an weniger strenger Methodik liegen. Das Ergebnis für dich als Käufer ist aber dasselbe: eine Zahl, die höher ist, als sie sein sollte.

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Was ein Ringtest überhaupt ist – und warum es sie gibt

Ein Ringtest (auch Interlaborvergleich genannt) funktioniert so: Eine identische Probe wird an mehrere Labore verschickt, ohne dass diese wissen, dass es sich um einen Test handelt. Anschließend werden die Ergebnisse verglichen. Große Abweichungen zeigen, wo ein Labor nachbessern muss.

Der 'Emerald Test' ist das etablierte, seit Jahren zweimal jährlich durchgeführte Proficiency-Testing-Programm der Cannabisbranche – er prüft Potenz, Pestizide, Schwermetalle und Restlösemittel. Labore, die eine ISO-17025-Akkreditierung halten wollen (siehe dazu 'COA richtig lesen'), müssen an solchen Programmen teilnehmen – das ist kein optionales Extra, sondern Teil dessen, was Akkreditierung überhaupt bedeutet.

Auch auf staatlicher Ebene ist das Problem inzwischen im Blick: Das US-amerikanische NIST betreibt mit CannaQAP (dokumentiert u. a. in NIST IR 8519, 2024) ein Programm, das anonym identische Proben an Labore im ganzen Land verschickt, um die reale Ergebnisvarianz zu messen. Das zeigt: Es handelt sich nicht um eine Randnotiz, sondern um ein anerkanntes, aktiv untersuchtes Problem.

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Normale Schwankung vs. echte Inflation: wo die Grenze liegt

Nicht jede Abweichung ist ein Alarmsignal. Colorado erlaubt zum Beispiel regulär eine Toleranz von bis zu 15% bei Potenzangaben – ein Edible mit deklarierten 10 mg darf also offiziell zwischen 8,5 und 11,5 mg enthalten, ohne als Verstoß zu gelten. Ein gewisses Maß an Messunsicherheit ist normal und eingeplant.

Die oben beschriebenen Abweichungen – 23–36% im Schnitt, teils über 16 Prozentpunkte zwischen Laboren bei identischem Material – liegen aber deutlich über dieser regulär tolerierten Schwankung. Das ist der Unterschied zwischen 'normaler Messunsicherheit' und einem strukturellen Problem.

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Was du als Käufer konkret tun kannst

Checkliste

  • Behandle eine einzelne THC%-Angabe als Orientierungswert, nicht als exakte, unveränderliche Tatsache.
  • Sei besonders skeptisch bei auffällig hohen Werten, vor allem wenn ein bestimmtes Labor in deinem Markt dafür bekannt ist, durchgehend höher zu testen als andere.
  • Achte auf ISO-17025-Akkreditierung und, wenn erkennbar, auf Teilnahme an Proficiency-Testing-Programmen wie dem Emerald Test – das ist ein reales Qualitätssignal, keine reine Formalie.
  • Vergiss nicht: Die Potenz ist nur einer von mehreren Faktoren für Wirkung und Qualität. Terpenprofil, Anbau und Frische sagen oft mehr über die tatsächliche Erfahrung aus als die zweite Nachkommastelle einer THC-Zahl.

Häufige Fragen

Warum liefern Labore bei derselben Probe unterschiedliche Ergebnisse?
Unterschiede in Methodik, Kalibrierung, internen Standards und teils auch wirtschaftliche Anreize (siehe 'Lab Shopping') führen zu abweichenden Werten, selbst bei identischem Ausgangsmaterial. Studien aus Colorado, Washington und Kalifornien dokumentieren das in unterschiedlicher Größenordnung.
Ist ein Labor mit sehr hohen THC-Werten automatisch unseriös?
Nicht automatisch, aber ein legitimer Grund für Vorsicht – besonders wenn dasselbe Labor in einem Markt wiederholt auffällig über dem Durchschnitt liegt. Ein einzelner hoher Wert kann auch einfach eine echte, potente Sorte sein.
Was hat ISO 17025 mit Ringtests zu tun?
ISO-17025-akkreditierte Labore müssen regelmäßig an Proficiency-Testing-Programmen wie dem Emerald Test teilnehmen. Das ist der Mechanismus, mit dem Akkreditierung tatsächlich überprüft wird, statt nur ein Siegel auf dem Papier zu sein.
Bedeutet das, ich sollte COAs komplett ignorieren?
Nein. Ein COA ist immer noch deutlich besser als keine Angabe. Es bedeutet nur, dass eine einzelne Zahl von einem einzelnen Labor mit realistischen Erwartungen gelesen werden sollte statt als exakte, unantastbare Wahrheit.
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